Berlin Mitte

Die Wiege Berlins in Not – Das Nikolaiviertel

Der Wirtschaftsausschuss der BVV – Mitte tagte am 18.06.2012 unter Vorsitz von Martina Matischok im Nikolaiviertel auf Einladung des gleichnamigen Vereins. Thema der Ausschusssitzung war u. a. die Problematik um die Baumaßnahmen im ältesten Wohngebiet Berlins.

Zu finden ist das Nikolaiviertel in Berlin-Mitte am östlichen Spreeufer zwischen Rathausstraße, Spandauer Straße und Mühlendamm. Mit Fertigstellung der ersten Kirche Berlins – der Nikolaikirche – um 1200 n. Chr. begann die Besiedlung Berlins östlich der Spree, westlich der Spree entstand Cölln. Mit Zusammenschluss beider Städte gilt das Jahr 1237 als Geburtsjahr Berlins. Das in der Nikolaikirche befindliche Stadtsiegel und der Wappenbrunnen davor erinnern an die Gründung Berlins.

Auf einer Fläche von ca. 50.000 qm ist das Nikolaiviertel als Fußgängerzone ein Zentrum mit gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, touristischer und kultureller Bedeutung. In den Häusern der engen Gassen leben ca. 2.000 Menschen in rund 800 Wohnungen. Der Stadtkern Berlins bietet die Möglichkeit des Flanierens, 47 Einzelhandelsbetriebe laden zum Shoppen ein und 30 Gastronomien stillen Durst und Hunger. Die Angebotspalette ist breit und an die Bedürfnisse der touristischen Zielgruppe angelehnt. Die architektonische Vielfalt, die Baudenkmäler verschiedener Epochen und die vielen kulturellen Einrichtungen, u. a. die Nikolaikirche, das Ephraim-Palais und das älteste Wohnhaus Berlins – das Knoblauchhaus – geben Gelegenheit sich von historischer sowie neuerer Gebäudekunst und musealen Genüssen begeistern zu lassen.

Epochale Baukunst ab dem Mittelalter bis hin zur „Neuzeit“ mit all dem Fassadenschmuck aus mehreren Jahrhunderten geben dem historischen Kern Berlins ein Flair des zurückversetzt Werdens in eine andere Zeit. Es ist ein Ort, der Geschichte schreibt und in diese auf Schritt und Tritt zeigt. Der „historische Pfad“ lädt zu einem informellen, durch 19 Tafeln unterstützen Rundgang ein und bietet damit durch kurze Geschichten und Informationen zur Stadthistorie.

In Berlin gibt es über 70 Geschäftsstraßeninitiativen. Eine davon ist die Aktionsgemeinschaft Nikolaiviertel e. V., dessen 1. Vorsitzende Martina Sprockhoff und der 2. Vorsitzenden Herr Thielicke neben der Managerin des Vereins Karin Hentschel als Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen für Belange mit Wirkung auf Berlins ältesten Stadtkern fungiert.

Eine Vielzahl von Einzelhändlern und Einzelhändlerinnen, Gastronomen und Gastronominnen, Dienstleistern und Dienstleisterinnen sowie Vermieter und Vermieterinnen engagieren sich in dieser Interessengemeinschaft und leisten damit einen wesentlichen Beitrag zur Attraktivität des Standortes, zum Erhalt der Qualität und zur Vermarktung ihres Gebiets.

Es ist erfreulich zu wissen, dass auch das Nikolaiviertel einen solchen Zusammenschluss von Menschen hat, die am Erhalt und an der Verbesserung der Standortattraktivität Interesse haben und sich dafür engagieren.

Seit einigen Jahren ist dennoch ein Abwärtstrend zu verzeichnen, dessen Gründe vielfältig sind. Die Vereinsmitglieder sehen die Gründe in der nachlassenden inneren Attraktivität, der völlig fehlenden städtebaulichen Anbindung und der wachsende Konkurrenz touristischer Highlights in der Stadt.

Die Steigerung der inneren Attraktivität wird intern geklärt, ebenso Bemühungen dem Wettbewerb Stand zu halten. Allerdings bedarf es auch der Hilfestellung von Außen, den Ort zu umwerben. Hier wird allerdings, dass Ergebnis des Projektantrages zur Touristischen Entwicklung abgewartet, der Anfang des Jahres eingereicht wurde.

Hauptproblem ist allerdings das seit einigen Jahren andauernde Baudesaster, das die Idylle des Viertels erheblich beeinträchtigt. Mit Abbruch der Rathausbrücke fing das Dilemma an, welches durch den Bau der U5 noch bis zum Jahr 2019 andauern wird. Bauzäune versperren den Blick auf den Stadtkern und erschweren den Zugang. Baugruben und Bauschutt sorgen für ein unschönes Bild, der sonst so einnehmende Charme ist dahin. Schlechte, schmale Wege schränken die Erreichbarkeit des Viertels ein. Touristinnen und Touristen finden seitdem teilweise gar keinen Weg in die Wiege Berlins, verlieren ihr Besuchsinteresse oder werden durch Bauzäune oder große Baumaschinen nicht aufmerksam auf das Nikolaiviertel. Die provisorischen Wege zwischen den Baugruben machen es geh- und sehbehinderten Menschen unmöglich das Nikolaiviertel zu erreichen. Mit Umlegung der Bushaltestelle an den Mühlendamm gibt es keinen Direktzugang für mit Reisebussen ankommende Besucher und Besucherinnen mehr.

Die Rathausbrücke soll nunmehr bis „spätestens August 2012“ fertig gestellt sein, der U-Bahnbau dauert aber noch sieben Jahre. Einerseits gut, da die städtebauliche Anbindung damit erreicht wird, andererseits zu lange, um sich über Wasser zu halten.

Denn die Folge der Bauarbeiten war und ist ausbleibende Laufkundschaft, Einnahmeverluste von bis zu 40% und daraus resultierende Geschäftsschließungen.

Mehrere Gewerbetreibende und Dienstleistende haben schon aufgeben müssen, die Verbleibenden haben Angst, es bis 2019 nicht mehr zu schaffen.

Es besteht dringender Handlungsbedarf, um den Erhalt des Nikolaiviertels als Wohn-, Gewerbe-, Dienstleistungs- und Kulturquartier zu sichern.

Die anwesenden Vereinsmitglieder bitten die Ausschussmitglieder daher um Mithilfe.

Insbesondere baten sie darum, ihr Konzept zu unterstützen. Danach handelt es sich um einen „Maßnahmenkatalog“ mit sechs Punkten, aus dem sich folgendes ableitet:

  1. Unterstützung für den Anfang 2012 gestellten Projektantrag zur „Touristischen Entwicklung, zur Belebung, Aufwertung und Stärkung des Nikolaiviertels“. Das Volumen beträgt 50.000 ,- €, wobei 10% als Eigenanteil von den Vereinsmitgliedern aufgebracht wird. Herr Tolan –Leiter der Wirtschaftförderung- hat noch keine neuen Erkenntnisse über den Ausgang, er wird berichten, sobald es einen neuen Sachstand gibt. Das Bezirksamt, die Wirtschaftsförderung sowie die Ausschussmitglieder unterstützen die Antragstellung.
  2. Größere Flexibilität bei der Beantragung von Veranstaltungen. Beispielhaft wurde dargestellt, dass eine kurzfristige Attraktion wie die der „militärhistorischen Garde: Lange Kerls“ nicht immer möglich ist, da das Beantragungsverfahren zu lange dauert. Herr Spallek –Wirtschaftsstadtrat- schilderte die Schwierigkeit der zeitlich kurzfristigen Antragsbearbeitung, sobald externe Verwaltungen u. a. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Polizei, Verkehrslenkung Berlin um Stellungnahmen ersucht werden müssen, bevor es zur Entscheidung durch die Bezirksverwaltung kommen kann.  Auf Nachfragen der Ausschussmitglieder gab Herr Spallek an, dass es auch möglich sei, einen „Sammel“Antrag für mehrere Maßnahmen der gleichen Art am selben Ort unter gleichen Bedingungen (z.B. Bühnengröße) zu stellen, ohne dass die genaue Attraktion benannt wird. So könnte ein Antrag für mehrere Veranstaltungen im Jahr gestellt werden, der z. B. beinhaltet, dass mehrmals jährlich sich Menschen in unterschiedlicher historischer Kleidung  („Lange Kerls, Barockmädels“) zur Schau stellen, um Touristen anzuziehen.
  3. Effektives Wegeleitsystem, welches die Besucherinnen und Besucher durch Baustellen führt. Sinnvoll wäre ein Bodenleitsystem z. B. Fußstapfen vom Alexanderplatz zum Nikolaiviertel bzw. eine bessere Ausschilderung an den Bauzäunen. Das Bezirksamt verwies an die BVG als Bauträger, an welche er sich bereits gewandt hatte, teilte jedoch gleichzeitig mit, dass die Sicherheit gewährleistet sein muss, so dass z. B. bei Nässe rutschige bzw. Straßenbelag schädigende  Bodenbeläge nicht möglich seien. Auch muss hinsichtlich der Bewerbung des Nikolaiviertels beachtet werden, wie weit diese reichen darf. Die öffentliche Verwaltung darf hier niemanden bevorzugen. Die Ausschussmitglieder sicherten ihre Unterstützung zu, gehen hier nicht von einer Bewerbung der Unternehmerschaft aus, sondern um Werbung für den Ort der Berliner Gründungsgeschichte mit all seinen Sehenswürdigkeiten.
  4. Ein bis zwei Standortgenehmigung(en) für die Nutzung eines oder zweier Elektromobile mit 5 Plätzen als Shuttle Service ins Nikolaiviertel. Das Bezirksamt verwies an die Verkehrslenkung Berlin, die allerdings personell so unterbesetzt sei, dass selbst die Erstellung eines Verkehrslenkungssystems für Mitte nicht umgesetzt werden könne.
  5. Zwei Stellplätze für Reisebusse in der Rathausstraße, um den Bustourismus anzukurbeln. Angesprochen wurde auch, dass eine Schiffsanlegestelle am Spreeufer wünschenswert sei, um die Touristinnen und Touristen ins Nikolaiviertel zu bringen.
  6. Mehr Sauberkeit und Sicherheit im Viertel z. B. regelmäßiger Baumschnitt (bislang noch nie geschehen), Bepflanzung, Entfernung von unbefugt aufgestellten  Gegenständen z. B. im Bereich der Außengastronomie, Schaffung von mehr Fahrradstellflächen zur Vermeidung der „wild“ abgestellten Fahrräder.

Während des Rundgangs am Ende der Sitzung konnten sich die Ausschussmitglieder selbst ein Bild machen.

Bauzäune versperren den Blick auf den Stadtkern,  erschweren den Zu- und Rundgang. Baugruben und Bauschutt sorgen für ein unschönes Bild, der sonst so einnehmende Charme ist dahin. Der Glanz des Nikolaiviertels erlischt, wenn nicht sofort mit Maßnahmen dagegen gehandelt wird.

Die Mitglieder des Ausschusses versprachen sich für die Belange der im Nikolaiviertel wohnenden, arbeitenden und verweilenden Menschen stark zu machen und Maßnahmen zu unterstützen, die zur Minderung der durch Bauarbeiten verursachten Probleme führen.

Gleichzeitig wurde darum gebeten, dass die Vertreterinnen und Vertreter des Nikolaiviertelvereins die Ausschussmitglieder auf dem Laufenden über die Ergebnisse eigener Bemühungen zur Verbesserung der Situation halten.

Wir werden den Fortgang im Auge behalten und Hilfestellung leistend eingreifen.

Am 28.08.2012 wird die Thematik im Ausschuss weiter behandelt.

Martina Matischok