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Reform der Berliner Bäderbetriebe – Kann Berlin-Mitte davon profitieren?

Bereits im Dezember 2013 nach Bekanntwerden der ersten Reformpläne der Berliner Bäderbetriebe stellte die SPD-Fraktion folgenden Antrag:

„Das Bezirksamt wird ersucht, sich bei den Berliner Bäderbetrieben und der Senatsverwaltung für Inneres und Sport mit Nachdruck dafür einzusetzen, dass die Bezirke an den Reformplänen der Berliner Bäderbetriebe beteiligt und nicht vor vollendete Tatsachen nach Beschluss des Aufsichtsrates gestellt werden. In diesem Zusammenhang sollen vorbereitend eigene Pläne in Absprache mit dem Sportausschuss der BVV Mitte hinsichtlich der Hallen- und Freibäderstruktur im Bezirk Mitte formuliert und diese den Berliner Bäderbetrieben und der Senatsverwaltung für Inneres und Sport unterbreitet werden. Der BVV ist bis 31.01.2014 zu berichten.“

Ole Bested-Hensing, Vorstandsvorsitzender der Berliner Bäderbetriebe, bot gemäß Aussage des Bezirksamtes Mitte in der Vorlage zur Kenntnisnahme vom 10.04.2014/IV an, sich im Mai 2014 den Mitgliedern des Sportausschusses vorzustellen und über Entwicklungsmöglichkeiten im Bereich der Bäder zu informieren. Gleichzeitig wurde dargestellt, dieses Gespräch erst mal  abzuwarten, um dann gemeinsam mit Nutzerinnen, Nutzern, Beteiligten und den politisch Verantwortlichen des Bezirks über die speziellen Anforderungen von Mitte zu diskutieren. Ziel soll danach sein, einen eigenen Vorschlag zur Umgestaltung der Hallen- und Freibäderstruktur im Bezirk den Bäderbetrieben zu unterbreiten.

http://www.berlin.de/ba-mitte/bvv-online/vo020.asp?VOLFDNR=5816&options=4

Am 27.05.2014 war es dann so weit. Unter Vorsitz von Hans-Günther Mahr tagte der Sportausschuss der BVV Mitte zum Thema „Konzept der Berliner Bäderbetriebe“.

Ole Bested-Hensing berichtete, dass die Bäderbetriebe in Berlin ohne grundlegende Strukturänderung keine Möglichkeit haben, Defizite zu senken und ein flächendeckendes Angebot weiterhin zu unterbreiten. Derzeit müssten vier Bäder sofort und dann jährlich zwei weitere Bäder geschlossen werden, um den Sanierungsstau in den dann verbleibenden Bädern finanzierbar machen zu können. Eine zufriedenstellende erhöhte Nutzung ist dabei nicht kalkulierbar, sogar eher unwahrscheinlich. Statt alte Bäder kostenaufwendig zu sanieren, sollen daher neue Bäder als „365 Tage Multifunktionsbäder“ entstehen.

Für ein Architektenbüro fehlte das Geld, so wurde an der Beuthhochschule dafür geworben, Entwürfe einzureichen. Von dreizehn Entwürfe gab es keinen geeigneten, allerdings kommt ein Entwurf den Vorstellungen und dem Möglichen der Bäderbetriebe nahe.

Im Pilotprojekt soll nach noch ausstehender Beschlussfassung des Aufsichtsrates der Bäderbetriebe das „Sport- und Freizeitbad Mariendorf“ entstehen. Daran soll aufgezeigt werden, worin die Vorteile eines Neubaus gegenüber Sanierung eines alten Bades begründet liegen. Mariendorf wurde deshalb ausgewählt, weil hier das sanierungsbedürftigste Bad Berlins steht, sich eine Sanierung nicht rechnet, aber ohne Bad eine Unterversorgung des Stadtteils bestehe.

Im Jahr 2000 konnten die Bäderbetriebe noch 10,8 Mio. Besucherinnen und Besucher in ihren Bädern begrüßen, 14 Jahre später waren es nur noch 7 Mio. Nutzerinnen und Nutzer der Bäder. Jetzt, mit einem Kundinnen- und Kundenverlust von 42 % gegenüber dem Jahr 2000 (Sommerbäder Verlust 82%) heißt es nun zu reagieren. Geplant ist keine Verkleinerung der Badewasserflächen, sondern eine höhere Auslastung durch weitere Nutzergruppen. Rückgängige Nutzung der Bäder und zusätzliche Personalkosten durch Schulschwimmen verschärfen das Defizit.

Ein großer Kostennachteil der Bäderbetriebe Berlins ist die Beaufsichtigung beim Schulschwimmen durch die Badewärterinnen und Badewärter der Bäderbetriebe zusätzlich zum Lehrpersonal. Im übrigen Bundesgebiet wird dies ausschließlich durch die Lehrkörper wahrgenommen, was deutlich weniger Personalkosten der Bäderbetriebe verursacht.

Ein weiterer Nachteil ist mangelnde Einnahmen durch geringe Auslastung.

Die Berliner Bäder sind derzeit auf die obere Schicht ausgerichtet, was eine schlechte Auslastung zur Folge hat. Ein verbessertes Angebot für alle Bevölkerungsschichten in Verbindung mit neuen Tarifen ist die einzige Lösung. Tariflich hat sich bereits etwas verändert. Zu den Tagesrandzeiten kann morgens und abends vergünstigt geschwommen werden, die Tagestarife sind im Gegenzug etwas gestiegen. Es wird aber erwartet, dass die Preise sich am Tage wieder etwas reduzieren, sobald die „365-Tage-Multi-Funktionsbäder“ öffnen und den erhofften Nutzungsaufschwung mit sich bringen. Neue Bäder sind attraktiver, da sie auf die Bedürfnisse der Bevölkerung ausgerichtet sind und so mehr Gäste erreichen.

Haben die derzeitigen Bäder ein Fassungsvermögen von 200.000 bis 250.000 Gästen jährlich, so können Neubauten bis zu 800.000 Nutzerinnen und Nutzer jährlich aufnehmen.

Die Kosten belaufen sich auf 20 bis 40 Mio. € je nach Größe und Bauvoraussetzungen, wobei davon ausgegangen wird, dass der Sanierungsbedarf bei alten Bädern um 15 Mio. € liegt. Der durch Veräußerung des alten Bades erzielbare Erlös würde die Kosten für einen Neubau weiter senken. Auch ist die Energiebilanz eines – teuer sanierten – Bestandsbades nicht in jedem Fall mit der Neubauvariante gleichzusetzen.Bauliche Voraussetzungen und unter Umständen Auflagen des Denkmalschutzes machen den Einsatz neuer nachhaltiger Betriebstechnologien teilweise unverhältnismäßig teuer oder unmöglich.

Ein weiterer Vorteil liegt im Umweltschutz. Ein Neubau würde im Vergleich zum alten, aber sanierten Bad, eine Verringerung des CO² Ausstoßes von 900 Tonnen bedeuten. Es entsteht auch keine Versorgungslücke. Wird ein altes Bad saniert, bedeutet dies Schließung für die Dauer der Maßnahme in der Regel über mehrere Monate. Wird dagegen ein neues Bad gebaut, bleibt das alte zumindest solange geöffnet, bis das neue Bad nutzbar ist.

Das neue Bad wird unter den Gesichtspunkten der derzeit geltenden rechtlichen Grundlagen gebaut, d. h. im Gegensatz zu den alten Bädern wären diese dann barrierefrei und generationsübergreifend gerecht gebaut.

Es wird für ein neues Bad von 10.000 bis 15.000 qm eine Fläche von 35.000 qm benötigt. 

In Berlin-Mitte fiel die erste Wahl der Bäderbetriebe auf den Standort Seydlitzstraße, der im Jahr 2001 als einer von elf Standorten im Zuge von Bäderschließungen wegen Sanierungsstau aufgegeben werden musste.

Der Standort bietet allerdings nicht die benötigte Fläche, so dass diese Wahl wieder verworfen werden musste. Inwieweit es an diesem Ort zu einer anderen Lösung kommen kann, blieb bedenklich, aber dennoch hoffnungsvoll im Raum.

Die Berliner Bäderbetriebe konnten bislang keine adäquate Fläche in Mitte ausmachen.

Es liegt jetzt am Bezirk, geeignete Vorschläge zu unterbreiten. Das Sportamt Mitte wird diesbezügliche Überlegungen anstellen, damit wir von der Bäderreform auch profitieren können. Externe Vorschläge sollten willkommen sein, um auch alle Möglichkeiten ausloten zu können.

Fakt ist allerdings, dass es sich um einen zentralen Standort zur wohnortnahen Versorgung handeln sollte, wenngleich Ole Bested-Hensing mit der Aufsichtratsvorsitzenden der BVG Sigrid Nikutta über eine verbesserte Verkehrsanbindung der Bäder bereits im Gespräch ist. Zumindest ein Routenplaner der BVG wird sich demnächst diesbezüglich mit den Verantwortlichen der Bäderbetriebe ins Benehmen setzen.

Wir werden die Entwicklung weiter verfolgen und aktiv bleiben, damit die Bevölkerung und Gäste in Mitte sich hoffentlich auch über ein „365-Tage-Multifunktionsbad“ freuen können.

Martina Matischok