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Girls’ und Boys‘ Day in Berlin

Mädchen züchten Kristalle, kommen mit Zauberknete den Geheimnissen der Materialforschung auf die Spur oder schrauben an Autos. Jungen absolvieren eine Kitaralleye und lernen die einzelnen Stationen im Arbeitsalltag einer Kita kennen. Der „Girls’Day“ und der „Boys’Day“ machen es möglich.

Der alljährlich bundesweit veranstaltete, in diesem Jahr 14. „Girls’Day – Mädchen-Zukunftstag“ sowie der erst seit 2011 sich Fragen der Berufsorientierung und Lebensplanung von Jungen widmende „Boys’Day – Jungen-Zukunftstag“ gehören beide auch in Berlin zu den festen Terminen für Unternehmen und soziale Einrichtungen, Schülerinnen und Schüler. Die beiden parallel stattfindenden Aktionen, bei denen Spaß, Faszination und erste Einblicke in die berufliche Praxis im Vordergrund stehen, erreichen im Durchschnitt 150.000 Jugendliche pro Jahr.

Es ist in Deutschland leider immer noch eine Tatsache, dass junge Frauen und junge Männer sich häufig an so genannten „Frauen- bzw. Männerberufen“ orientieren. Zur Überwindung der geschlechtsspezifischen Barrieren im Berufswahlverhalten von Jungen und Mädchen, sollen die Projekte „Girls’Day – Mädchen-Zukunftstag“ und „Boys’Day – Jungen-Zukunftstag“ beitragen. Für die Mädchen und Jungen ist es die oft einzige Möglichkeit im Jahr, frei von geschlechtlichen Zuordnungen ihre Talente und Wünsche zu erkunden.

Es wird immer wieder betont, dass die Berufsorientierung dann effektiv ist, wenn sie als gemeinsame und kooperative Aufgabe von Schulen, Eltern, Unternehmen und anderen bildungspolitischen Akteuren verstanden wird. Bei der Berufsorientierung der Mädchen und Jungen spielen insbesondere Lehrer und Eltern  dabei eine wichtige Rolle. Sie haben an diesem Tag die Chance, mit Jungen und Mädchen über Rollenverhalten und Lebensplanung zu diskutieren und auseinanderzusetzen. Für die Unternehmen bieten die Aktionstage die Möglichkeit, potenziellen Nachwuchs auf sich aufmerksam zu machen und vielfältige Belegschaften zu fördern.

Der Girls’Day, dessen Name im Jahr 2001 anhand einer kleinen Umfrage unter 10 – 15-jährigen Mädchen in Schulklassen und Mädchen-Treffs ausgewählt wurde, ist inzwischen nicht nur ein Erfolg in Deutschland, er ist Vorbild für ähnliche Aktionen in mehr als zehn europäischen und außereuropäischen Ländern. Obwohl viele junge Frauen technisch begabt sind, streben sie selten einen technischen Beruf an. Am Girls’Day öffnen Unternehmen, Betriebe und Hochschulen in ganz Deutschland ihre Türen für Schülerinnen ab der 5. Klasse. Die Mädchen lernen dort Ausbildungsberufe und Studiengänge in IT, Handwerk, Naturwissenschaften und Technik kennen, in denen Frauen bisher eher selten vertreten sind. Oder sie begegnen weiblichen Vorbildern in Führungspositionen aus Wirtschaft und Politik. Mädchen können praktisch erfahren, dass sie in allen Berufen willkommen sind. Girls‘ Day-Berufe zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass der Frauenanteil hier bei unter 40 Prozent liegt. Der nachhaltige Erfolg des „Girls‘ Day – Mädchen-Zukunftstags“ wird häufig vor allem an der Frage gemessen, ob die Mädchen tatsächlich in Ausbildungen oder Praktika in MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) einmünden. In der im Jahr 2013 durchgeführten Evaluation wurde insbesondere danach gefragt, ob die teilnehmenden Unternehmen und Institutionen die jungen Frauen, die sich nach einer Girls’ Day-Teilnahme bei ihnen bewarben, tatsächlich eingestellt haben. Die Daten zeigen, dass 64% der Unternehmen und Institutionen, bei denen sich ehemalige Teilnehmerinnen beworben haben, die Bewerberinnen als Auszubildende und Praktikantinnen eingestellt haben. Dies sind 18% aller befragten Unternehmen und Institutionen, die mindestens zum zweiten Mal am „Girls‘ Day – Mädchen-Zukunftstag“ teilnehmen. Dieses Ergebnis zeigt deutlich, eine wiederholte Teilnahme am Girls‘ Day hat positiven Einfluss auf die Unternehmenskultur und führt somit zu mehr Gleichstellungsbewusstsein. Auch die Handwerkskammer Berlin bestätigt, dass der Spruch „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, mittlerweile eine neue Bedeutung hat, nämlich: Frauen haben das Handwerk längst für sich entdeckt. Im Bereich Ausbildung im Handwerk haben die Schülerinnen in den letzten Jahren viel aufgeholt. Das zeigt, nicht nur am Girls‘ Day kommt das Handwerk bei Schülerinnen gut an! Sie werden im Handwerk auch gebraucht! Der Anteil der weiblichen Auszubildenden im Berliner Handwerk lag 2012 bei 28,9 %. Bundesweit sind 27 % der Handwerks-Lehrlinge weiblich. Nach Auskunft des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks beträgt die Zahl der weiblichen Lehrlinge im Handwerk deutschlandweit derzeit rund 91.363 (2012).

Der „Boys’Day – Jungen-Zukunftstag“ ist eine Aktion vom Programm „Neue Wege für Jungs“. Das Programm ist ein Bundesweites Netzwerk und Fachportal zur Berufswahl und Lebensplanung von Jungen. Es unterstützt Initiativen, die Angebote zur Erweiterung der Berufswahl, zur Auseinandersetzung mit Rollenbildern und zum Ausbau sozialer Kompetenzen für Jungen organisieren. Der Boys’Day soll Schülern die Gelegenheit geben, sich über Studiengänge oder Berufe zu informieren, die eher „frauendominiert“ sind. Als Faustregel für den Boys’Day gilt, alle Bereiche einzubeziehen, in denen mehr als siebzig Prozent der Tätigen weiblich sind. Hierzu zählen beispielsweise der Beruf des pharmazeutisch-technischen Assistenten, oder der des Erziehers. Durch Angebote können die Jungen auch ihr Berufs- und Studienwahlspektrum erweitern und Berufe, insbesondere soziale und Dienstleistungsberufe, kennenlernen, in denen Männer immer noch unterrepräsentiert sind. Junge Männer fehlen in den Bereichen Erziehung und Pflege. Es wird darauf hingewiesen, dass  sie ihre sozialen Kompetenzen nur selten für die Berufswahl nutzen. Daher gibt es am Boys’Day die Möglichkeit, Kitas und Senioreneinrichtungen, aber auch andere interessante Berufsfelder zu erkunden. Dadurch sollen sich die Jungen mit der Flexibilisierung der männlichen Rollenbilder, der eigenen Lebensplanung und der Stärkung von Sozialkompetenzen auseinandersetzen. Bisher haben mehr als 100.000 Jungen an rund 14.000 Angeboten teilgenommen. Der Boys‘ Day findet in fünf Nachbarländern von Deutschland statt und Berlin beteiligt sich von Beginn an!

Festzuhalten gilt, dass der Girls’Day und Boys’Day ein Problemfeld ins öffentliche Bewusstsein gerückt hat: Die Orientierungslosigkeit bei der Berufswahl ist nicht nur ein geschlechtsspezifisches Problem, sondern ein generelles Problem in unseren Schulen. Im Hinblick auf den Fachkräftemängel besteht die dringende Notwendigkeit, die Ressourcen und Talente aller Jugendlichen in den Blick zu nehmen und dabei junge Menschen individuell besser zu fördern. Ein vielfältiges Angebot an Informations-, Beratungs-, Bildungs- und Unterstützungsmöglichkeiten von einer Vielzahl von Institutionen, Initiativen und Projekten steht bereits für junge Menschen als Hilfe für den Übergang von Schule in Ausbildung, Studium oder Beruf zur Verfügung.

Trotz eines erheblichen Ressourceneinsatzes wurde das Ziel, alle jungen Menschen zu einer vollqualifizierenden Berufsausbildung und einem Berufsabschluss zu führen, bisher nicht erreicht. Dies ist die Herausforderung der nächsten Jahre, die es politisch zu lösen gilt. 

 

 
Quellen:

IHK Berlin (2013): Berliner Bildung in Zahlen – Ausgabe 2013, (Download 20.03.2014, unter: http://www.ihk-berlin.de/share/flip/Berliner_Bildung_in_Zahlen_2013/index.html?et_rp=1)

Zentralverbandes des Deutschen Handwerks: Daten und Fakten (Download 20.03.2014, unter: http://www.zdh-statistik.de/application/index.php)

Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V., Bundesweite Koordinierungsstelle Girls’Day – Mädchen-Zukunftstag: Evaluation des Girls’Day – Mädchen-Zukunftstags 2011, (Download 20.03.2014, unter: http://www.girls-day.de/content/download/11452/98329/file/GirlsDay_Evaluation_Zusammenfassung_2012.pdf.

Bundesinstituts für Berufsbildung: Leitlinien zur Verbesserung des Übergangs Schule –Beruf. Empfehlung des Hauptausschusses des Bundesinstituts für Berufsbildung (Stand: 17. Juni 2011). (Download am 20.03.2014, unter: http://www.bibb.de/dokumente/pdf/Empfehlung_BIBB-HA_Leitlinien_zur_Verbesserung_Uebergang_Schule_-_Beruf_2011_06_20.pdf)

 

Weitere Informationen unter:

„Girls’Day – Mädchen-Zukunftstag“ und „Boys’Day – Jungen-Zukunftstag“ sind Projekte des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V. in Bielefeld, welches mit bundesweiten Initiativen die verstärkte Nutzung der Potenziale von Frauen zur Gestaltung der Informationsgesellschaft und Technik, sowie die Verwirklichung der Chancengleichheit von Frauen und Männern fördert. www.kompetenzz.de .

Die Bundesweite Koordinierungsstelle des „Girls’Day – Mädchen-Zukunftstags“ wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, sowie aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds.

www.girls-day.de

 

Der „Boys’Day – Jungen-Zukunftstag“ ist eine Aktion von „Neue Wege für Jungs“. Boys’Day und Neue Wege für Jungs werden gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds.
www.boys-day.de ; www.neue-wege-fuer-jungs.de

 

 

Alev Deniz